Die Kunst Peter Valentiners

Essay von Humberto Brentano; mit einem Faksimile von Michel Fisson: Extrait de mon journal de peinture und einem Text von Angelika Bernutz (Galerie Bernutz).

  

Civilian, military, 1971, shirt, nylon tie, German camouflage suit from the 2nd world war.
Zivil, Militär, 1971, Hemd, Nylon-Krawatte, Deutsche Tarnjacke aus dem 2. Weltkrieg.

Camouflage, Tarnung, ist ein Schlüsselbegriff in Peter Valentiners Kunst. Anfang der 60er Jahre beginnt er mit surreal-ironischen Abstraktionen und politischen Aussagen in Form plakativer, geometrischer Collagen in der Nähe zur Pop-Art. Seit 1969 verwendet er das militärische Tarnzelt, später das Tarnnetz, als Ausgangsmaterial für immer neue künstlerische Variationen. 1971 befreit er sein militärisches "Ready-made" aus dem Ausstellungsraum und installiert das Material in natürlicher Umgebung. Er hüllt Baumstämme darin ein, befestigt es zwischen Fassaden, läßt es von Torbögen hängen oder spannt es in Baumkronen. Dadurch ensteht einerseits eine thematische Spannung zwischen den Gegensätzen von ziviler Natur und militärischer Bedeutung (vgl. "Zivi Militär", 1971). Andererseits wird in der Konfrontation von Umgebung und Gegenstand ein formaler Aspekt sichtbar: Die Kunst macht sich die Struktur des Tarnnetzes zu eigen, es verhüllt, lässt gleichzeitig durchblicken und wirkt so, je nach Standpunkt, als ornamentaler Hintergrund oder - vordergründig - als ein den Dingen übergestülpter, künstlicher Vorhang. Im Leopardenfell (1972) wird die Camouflage doppelt deutlich - eine augenfällige, formale Verwandtschaft zum Tarnnetz, doch mit anderem Rollenverständnis: ein angenageltes Stück Tarnung, das seinem leib-haftigen Besitzer dem Schein nach über die Ohren gezogen wurde.

Ab 1974 gelangt das Spiel von Tarnung und Enttarnung schrittweise wieder auf die Ebene der Malerei. Eine angemessene Technik findet Peter Valentiner in dem von ihm so genannten "découpage-report" (découpage = Zerschneiden). Durch Abdecken gemalter Flächen, Ausschneiden und anschließendes Abreißen kleiner Papierfetzen gelingt es ihm, die Doppeldeutigkeit der Netzstruktur in mehrschichtigen Kompositionen einzufangen. Waren die Tarn-Objekte noch sehr auf die Phantasie des Betrachters angewiesen, so wird hier die Irritation unmittelbar anschaulich: Bunte "Mosaiksteinchen", Netzmuster und farbige Hintergründe wechseln sich ab in der Rolle des bildbeherrschenden Moments, ein Vexierspiel aus Collage und Décollage, dessen Entstehungsprozeß sich dem Betrachter weitgehend verweigert. 1976 kehrt auch der "Leopard" in dieser Technik zurück.

Composition non déterminée, 1976, oil on canvas, 59x59 inch.
Unbestimmte Komposition, 1976, Öl auf Leinwand, 150x150 cm.

Ab 1981 verschwindet allmählich die formale Nähe zum Tarnnetz zugunsten großflächiger Kompositionen, zu denen sich immer stärker räumliche Tiefe gesellt. Die Raumaufteilung jüngerer Bilder ist großzügiger, von einer beinahe organischen Geometrie, die in harmonischer Farbgebung "schwingt" wie der Satz einer Symphonie im Klangraum des Orchesters. Bemerkenswert ist, daß Peter Valentiners abstrakte Formen eine Tendenz zur Ausdehnung zeigen - vielleicht um eines Tages das Bildformat zu sprengen, wie 1971 das Tarnzelt seinen Keilrahmen sprengte.

untitled, 1995, acrylic on nettle, 57x71 inch
ohne Titel, 1995, Acryl auf Nessel, 145x180cm

Die jüngeren Arbeiten seit 1998 verzichten auf Farbe zugunsten der Konzentration auf Dynamik und Form. Schwarz-Weiße Wirbel, "Hurricanes" verdichten sich zur Bildmitte, ziehen das Auge in ihren Strudel hinein. Als Kompositionshilfe dient der Computer - Op(tical) Art in der Bildebene, "Fokussierung des Blickes auf eine einzige Grundfigur (Kisters 2001)", eine Kunst, deren wesentliche Merkmale sind "die Zerstörung des Mythos vom genialen Künstler und also einer traditionellen Ästetik und die unmittelbare Beziehung zwischen Werk und Betrachter als einer Beziehung zwischen Objekt und Auge ohne Beteiligung der Emotion (Türr 1986, S. 41)."

Hurricane No. 9, 1998-2001, dispersion color/drawing ink on water color paper, 60 x 40 inch
Hurricane Nr. 9, 1998-2001, Dispersionsfarbe/Tusche auf Aquarell-Papier, 152,4 cm x 101,6 cm


Humberto Brentano

LITERATUR

Angelika Bernutz: Text über Peter Valentiner

Michel Fisson: Extrait de mon journal de peinture (Faksimile).

Jürgen Kisters: Begegnungen im Menschlichen. In: Dr. Gerd Fischer (Hg.): Ceci n'est pas une rétrospective. Katalog anlässlich er gleichnamigen Ausstellung 27.10.2001-02.12.2001, Peter Valentiner/Walter Wolf, Siegburg 2001

Pavel Liska/Peter Valentiner: Valentiners Kunst der reversiblen Abstraktion. Katalog anlässlich der Ausstellung "Peter Valentiner" in der Galerie Westernhagen v. 24. April bis 24. Juni 1992. Köln: Galerie Westernhagen (Hg.) 1992

Erwin Steller: Computer und Kunst. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 1992

Karina Türr: "OP ART", Stil, Ornament oder Experiment? Berlin 1986